Liebe Leserin,
lieber Leser,
‚Singt Gott ein neues Lied!‘, so beginnt der Psalm 98, den ich gerne zu
Ostern bete. Ich bin ziemlich sicher, dass
damit kein neues Kirchenlied gemeint ist. Es ist vielleicht überhaupt
kein Lied im engeren Sinne gemeint.
Aber lassen Sie mich zunächst fragen, wie denn das alte Lied geht, das jetzt
nicht mehr gesungen werden soll? Meistens geht es ja nach der alten Melodie.
Wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Wenn wir über Ungerechtigkeiten,
die andere betreffen, hinweg-sehen. Wenn wir in erster Linie uns selbst die
Nächsten sind. Wenn wir
abschätzig über andere reden.
Wenn wir uns beklagen und unzufrieden sind, weil doch alles immer schlimmer
und schwieriger wird. Dann geht es immer und immer wieder nach der
alten Melodie. Die macht uns schwer, die engt uns ein, die lässt kein
Gefühl von Leichtigkeit aufkommen.
Mit dem Osterfest will Gott uns ein neues Lied beibringen. Die Melodie nimmt
uns mit, macht uns das Herz leicht. Wir merken: So kann es auch gehen.
Anders. Solidarisch. Einander zugewandt. Liebevoll. Zuversichtlich.
Diejenigen, die den 98. Psalm
geschrieben haben, waren in einer ganz bestimmten geschichtlichen
Situation. Warum hatten sie das
Bedürfnis nach einem neuen Lied? Sie gehörten zu jenen Juden, die
nach vielen Jahren im Exil in Babylonien wieder in ihre Heimat
zurück-kehrten.
Für sie ist diese Rückkehr ein Wunder, genauso, wie früher die Befreiung der
hebräischen Sklaven aus Ägypten ein Wunder
gewesen ist. Auch bei der jetzigen Heimkehr sehen sie Gott am Werk.
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Alles
wird gut, denken sie. Weil das eine so starke Hoffnung und Freude auslöst,
singen sie ein Freudenlied und laden Erde und Meer, Berge und Flüsse ein, in
das Lied einzustimmen.
Viele Jahrhunderte später sehen die ersten Christen in den Worten und Taten
von Jesus von Nazareth Gott selbst am Werk.
Jesus sagte: „Gott kommt nicht so, dass man es sehen kann und sagen: Hier
ist das Gottesreich!“ Die neue Welt Gottes wächst im Kleinen und
Verborgenen. Gott kommt und ist schon da, wo eine dem anderen vergibt, wo
zwei miteinander teilen, wo Menschen einander heilen und Frieden gönnen.
Anstatt Programme zur Herstellung von Gerechtigkeit zu entwickeln, hat er
eingeladen zu Tischgemeinschaften. Mit dem
Zusammenkommen an einem
gemeinsamen Tisch hat Jesus Menschen aufeinander bezogen und sie
füreinander verantwortlich gemacht.
Er hat benachteiligten Menschen Mut gemacht und sie befähigt, selber zu
handeln und aufrecht durchs
Leben zu gehen. Jesus teilt Leben und Sterben mit uns, unbedingt.
Aus solchen Erfahrungen nährt sich unsere Osterfreude. Und aus solchen
Erfahrungen entstehen auch heute immer wieder neue Lieder!
Pastor Sebastian Schmidt
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